Reisebericht Peru - "ABENTEUER PERU" – Titicacasee

19/12/2013

Geruhsam tuckert das Schiff unserer Reisegruppe durch das blaue Wasser des höchstgelegenen (3.827 m), beschiffbaren Binnensees der Welt. Vorbei an den Totora-Schilfinseln der Uros Indianer, die auch heute noch in Familienverbänden nach der Tradition, den Sitten und Gebräuchen ihrer Vorfahren auf ca. 40 Inseln leben. Einige Inseln haben allerdings inzwischen den Tourismus als Einnahmequelle entdeckt, stellen handwerkliche Produkte her und empfangen Besucher aus aller Welt.

 

Langsam wärmt uns die Sonne, die von einem stahlblauen Himmel scheint und wir lassen die Lagune mit den Schilfinseln hinter uns zurück. In der Ferne blinken die Schneefelder der Königskordillere und wir steuern langsam unser Ziel, die Insel Taquile an. Währendessen lauschen wir verblüfft und fasziniert, den Erzählungen unseres einheimischen Reiseführers Benito, einem Aymara-Indianer, der uns über das einfache Leben seines Volksstammes berichtet. Bereits vor der Inkazeit lebten verschiedene Stammesgruppen von Aymaras auf dem Hochplateau in der Gegend des heutigen Puno. Die Lebensbedingungen waren und sind bis zur heutigen Zeit in abgelegenen Bergregionen auf Höhen über 4.000 m sehr hart. Bei durchschnittlichen Tagestemperaturen von 3 - 9° C und strengen Nachtfrösten im Winter, sind die Anbaumöglichkeiten von Grundnahrungsmitteln stark eingeschränkt. Hauptnahrungsmittel sind verschiedene Sorten von Kartoffeln, eine Karottenart und einige Getreidesorten. Besondere Konservierungsmöglichkeiten mussten gefunden werden, um auch im Winter nicht zu verhungern. Beispielsweise werden Kartoffeln tiefgefroren, dann 4 Wochen mit Blättern bedeckt in Wasser gelegt und somit haltbar gemacht.

 

Die dringend benötigten Minerale und Vitamine werden durch Heilerde als Nahrungsergänzung zu sich genommen. Brot besteht zu 60 % aus Getreide und zu 40° aus Kalkzusätzen. Auch Säuglinge erhalten in Wasser aufgelöste Heilerde zu trinken. Urin ist Allheilmittel und wird, besonders von kleinen Mädchen gespendet als Medizin auch Babys verabreicht. Westliche Medizin wird abgelehnt, da kein fremder Mann eine Aymara-Frau und keine fremde Frau einen Aymara-Mann nackt sehen darf. Sollte es notwendig sein, wird ein Schamane um Rat gefragt. Stirbt ein Kind, ist das nicht so schlimm, denn Papa macht sofort ein neues. Dieser Vorgang (Chaka Chaka) geschieht immer in der Natur und dauert nicht länger als 3 Minuten. Viele Kinder sind notwendig, um genügend "Reserve" für etwaige Todesfälle zu haben. Geschlafen wird in den aus Lehm und Stroh erbauten Häusern auf einem Gemeinschaftsbett in voller Bekleidung. Die Mädchen liegen neben der Mama, die Buben neben dem Papa. Als Kopfkissen dient einer der sieben Röcke von Mama und eine der Hosen von Papa. Gebadet wird einmal im Jahr oder zu festlichen Anlässen, wie Hochzeiten und Trauerfeiern. In einer Ecke des Gehöfts steht ein Bottich zum Entleeren der Nachttöpfe. Die Sonne bewirkt nach einem Jahr, dass sich der Inhalt in eine kaugummiartige Substanz verwandelt, die ein natürliches Waschmittel und Haarshampoo ergibt. Davor fürchten sich dann sogar die Läuse, die ansonsten den Kindern als Spielzeug dienen. Kaum ein Aymara ergraut oder verliert sein dichtes schwarzes Haar! Die größere Notdurft wird auf dem Feld verrichtet und da die Mama kein Essen für die Hunde kochen kann, wird dieser Gang von ihnen begleitet. Das Leben ist geprägt von der grenzenlosen Liebe zur Natur und vor allem zu Pacha Mama, der großen, gütigen Mutter Erde sowie zu den Berggöttern Apus.

 

Benito erzählt vom kürzlichen Begräbnis seines Onkels. Stolz berichtet er, dass der Onkel der nie in seinem Leben Schuhe besaß, für seine letzte Reise Schuhe bekam, vollständig neu eingekleidet wurde, ja sogar ein kleines Fläschchen Parfüm wurde für ihn gekauft. Viel Schnaps wurde getrunken und da der Onkel nicht mehr lebt, darf von nun an sogar seine Witwe Schnaps trinken.

 

Ja, Papa muss öfter einen Schnaps trinken, denn er trägt die große Verantwortung für seine Familie und muss den Familienmitgliedern ihre Aufgaben und Pflichten zuteilen. Selbstverständlich müssen auch die Kinder arbeiten, denn sie möchten ja auch essen. Nur über eines ist Benito etwas traurig. Er hat nur 2 Kinder und das bekümmert seine Mama sehr. Alle seine Geschwister haben mindestens 5 - 8 Kinder und beim jährlichen Besuch am Grab seines Vaters muss Mama deswegen weinen und jammern. Bei reichlich Essen und Trinken werden dem Papa alle Sorgen und Nöten der Familie berichtet. Aber ansonsten hat Benito viel Glück in seinem Leben. Der Papa ist bereits gestorben als er ca. 6 Jahre alt war. Bis dahin hatte er bereits gute Arbeit als Viehhirte geleistet, aber nun musste er doch nicht Bauer werden sondern konnte zur Schule gehen. Bei der Einschulung wurde sein Alter geschätzt, da der Mama nur bekannt war, dass er im Sommer geboren wurde. Geburten im Winter werden möglichst vermieden, da dann die Säuglingssterblichkeit sehr hoch ist. Sein unaussprechlicher Indianername wurde in Benito geändert. Er war sehr neugierig auf die große weite Welt und war sehr glücklich, als er als Kofferträger bei einer Reiseagentur seine Karriere beginnen konnte. Bald durfte er schon Putzarbeiten und Botengänge erledigen. Sein Ehrgeiz wuchs und er lernte in eigener Regie mit Sprachkassetten, Deutsch, Englisch und Französisch. Zur Zeit paukt er Japanisch. Bald wurde er als Reiseführer eingesetzt. Nur kurzfristig trübte ein Schatten sein Glück. Noch ist es bei den Aymaras üblich, dass die Eltern den Lebenspartner ihrer Kinder aussuchen. Er hatte sich jedoch in ein hübsches Mädchen verliebt. Leider lehnte Mama und die Familie, die von ihm Auserwählte ab und bestimmten, wen er zu heiraten habe. Heute aber liebt er seine Frau, auch wenn sie nicht besonders hübsch ist. Eine Scheidung oder eine andere Frau käme sowieso nicht infrage, denn ein guter Aymara hat Vorbild seiner Kinder zu sein. Auch würde er das Vertrauen seines Familienverbandes und seiner Freunde verlieren. Dies wäre absolut undenkbar.

 

Benito mit seinem Schmuckzahn als Statussymbol, sein interessanter Bericht über die Lebensart der Aymara Indianer sowie die Schifffahrt auf dem Titicacasee mit dem Besuch der Insel Taquile, wird uns in unvergesslicher Erinnerung bleiben.

 

Annemarie Westphal

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